Sex, Haschisch und Erleuchtung

Bin ich in einer Parallelwelt?

Mit einem Engel undercover in Altonas Kneipen

(Ein anderes verrücktes Abenteuer möchte ich noch aus dieser sonst eher trüben, kalten und im Grundton traurigen Altona-Zeit erzählen.) 

Ich ging gerade in Richtung Altonaer Wohnung durch einen langen Tunnel, es war zwei Uhr morgens, ich hatte in einer Musikkneipe Geige gespielt und einige Bierchen getrunken. Hinter mir kam jemand. Er schien mir zu folgen. Einen Moment hatte ich Angst und wollte schneller gehen, dann entschied ich mich dafür zu warten. Pfeifend und leicht schwankend kam die Gestalt auf mich zu. "Hallo, Freund", nuschelte der Mann, "Habe ich dich nicht gerade in der Kneipe gesehen, wo die Schlägerei war?" „Nee, in der Kneipe, wo ich herkomme, gab‘s keine Schlägerei." "Na, musst entschuldigen, ich bin noch ziemlich durcheinander - die wollten mich verprügeln, und ich weiß überhaupt nicht, warum." Er erzählte noch etwas ausführlicher, mit Wiederholungen und auffallend kindlichen Redewendungen wie: "manche Menschen sind gemein, findest du nicht - die Armen, es geht ihnen schlecht, so viel Leid und Sorgen, was sagst du dazu, findest du das nett, wie die mich behandelt haben, ich heiß übrigens Heinz, und du? Schön, Christian, dass wir uns getroffen haben in dieser Kälte und Dunkelheit." 

Wir gingen eine Weile schweigend nebeneinander her, und ich hörte mich selbst sagen, fast gegen meinen Willen, ich war verblüfft: "Wenn du Lust hast, kannst du noch mit zu mir kommen, da können wir noch ein Bier trinken, meine Freunde sind heute nicht da." "Ja, das finde ich in Ordnung von dir, Christian, du bist ein netter Kerl, vielen Dank." Etwas unheimlich war mir der Typ schon, sein Äußeres übte auch keine Anziehung auf mich aus. Er sah schmuddelig aus, unrasiert, vielleicht 40 Jahre alt, Seemann, wie er sagte. Oben im Zimmer wurde sein Ton noch vertraulicher. Mir war mulmig bei dem Gedanken, er könnte schwul sein. Ich hatte absolut keine Lust auf Annäherungsversuche, "Keine Angst, Christian, ich bin nicht schwul, falls du das denkst." Konnte er Gedanken lesen? 

"Aber vielleicht hast du Lust, etwas zu rauchen?" Das wurde ja immer seltsamer - der sah überhaupt nicht nach einem Kiffer aus. Ich musterte ihn kritisch. Sollte ich mich darauf einlassen? Schließlich kannte ich meine Tendenz, im bekifften Zustand die Menschen um mich herum hoch zu projizieren in überirdische Erscheinungen. Wie würde das bei dem hier werden? „Du wirst es nicht bereuen, Christian, das wird ein toller Spaß." Der Typ kannte mich. Und eigenartigerweise entspannte ich mich, wir lachten beide und ich sagte: "okay, was soll‘s, also los." 

Na, es war nicht anders zu erwarten: Bhagwan in der Verkleidung eines schmuddeligen Seemanns. Ich hatte keine Hemmungen, aber doch großen Respekt, schüttete mein Herz aus bezüglich Sabine. Er schmunzelte freundschaftlich und verständnisvoll: „Mach dir keine Sorgen, Christian, das ganze Leben kann zu deiner Geliebten werden, und das Leben wird immer schöner und geheimnisvoller, je weiter du wächst. Diese Freundin, die Sabine, ist nur ein winziger Teil, ein Teil vom Ganzen. Dir gehört das Ganze". Ich weiß nicht mehr, ob er das wörtlich so sagte, aber zumindest sinngemäß. Dazwischen kam dann allerdings auch ziemlich Abwegiges wie: "Ja, Mensch Christian, ich glaub, wir beide reisen noch mal zusammen in den Urwald, vielleicht nach Südamerika, das wird ein Abenteuer, sag ich dir!“ 

Er erzählte noch ein paar kuriose Stories aus seinem bewegten Leben und sagte dann: „So, und nun ziehen wir beide los, pass gut auf, was passiert." Ich folgte ihm auf die Straße. Es war etwa 5 Uhr morgens, aber es herrschte ein erstaunlicher Betrieb. War ich hier wirklich in Altona? Es kam mir alles so fremd vor. Wir gingen in irgendeine Kneipe und setzten uns, wie ich meinte, unauffällig an einen Tisch und unterhielten uns in gedämpftem Ton. Der Kellner, bei dem ich gerade etwas bestellen wollte, sagte in einer Sprache, die mir ausländisch vorkam: "sofort raus hier, aber ganz schnell, sonst hol ich die Polizei" Bhagwan-Heinz sagte zu mir, normal sprechend, "siehst du, ist doch sehr interessant, wie? Komm, wir gehen.“ 

Er nahm mich bei der Hand, und ich folgte ihm, wie betäubt. "Das versteh ich nicht, wir haben doch überhaupt nichts gemacht?" „Doch, das haben wir, aber du hast es nicht richtig mitgekriegt"; sagte er ruhig und freundlich. "Pass noch genauer auf. Wir gehen jetzt zu Berta, die kennt mich, da wird die Sache etwas anders ablaufen.“

Es war wirklich wie im Traum. Die Kneipen hatte ich vorher nie gesehen, und diese vielen Menschen überall - um diese Uhrzeit! Mein seltsamer Freund setzte sich an die Theke und bestellte zwei Bier. Er unterhielt sich ganz normal mit einer Frau und einem Mann, aber was die antworteten kam mir vor wie der Versuch, aus einem tierischen Gegrunze Worte zu bilden. Ich konnte nur seine Stimme klar und deutlich verstehen, er redete Deutsch, belanglose Sachen wie: "Komisch, meine Uhr tickt seit Stunden auf derselben Stelle, die Zeit ist auch nicht mehr das, was sie mal war - vielen Dank." Darauf fing die Frau an zu weinen und der Mann, ein grobschlächtiger Hüne, nahm eine höchst bedrohliche Haltung an, die den schmächtigen Seemann aber nicht im Geringsten zu beunruhigen schien. 

"Das ist mein Freund Christian", sagte er zu der Wirtin, die, wie aus einem tiefen Schlaf gerissen, mich mit ungläubigen, ja fast entsetzten, dann plötzlich ganz wollüstigen Augen ansah - ich spürte eine heiße Welle sexueller Erregung zwischen uns, aber das war nur ein kurzer Moment - dann schien sie mich und alles andere wieder vergessen zu haben und grunzte in einer mir unverständlichen Sprache irgendetwas zu den Leuten an der Theke, die alle völlig teilnahmslos in sich versunken schienen. 

Was war hier bloß los? Ich fühlte mich völlig klar und wach, wie nie zuvor, überhaupt nicht betrunken oder bekifft, aber alle anderen bis auf "Heinz" schienen mir unwirklich oder hypnotisiert. Zum Glück gingen wir bald wieder hinaus. Draußen war es schon hell, auf den Straßen liefen noch viel mehr Menschen herum. Es war schon halb neun. Demnach hatten wir mindestens zwei Stunden in der Kneipe verbracht. Wie war das möglich? Normalerweise hatte ich im Haschischrausch das Gefühl, es würden Stunden vergehen, während sich die Uhr nur um 5 Minuten vorwärtsbewegt hatte, diesmal war es umgekehrt. Seit unserer Unterhaltung in der Wohnung waren bereits vier oder fünf Stunden vergangen, mir erschien es jedoch subjektiv so, als würde überhaupt keine Zeit vergehen - es war immer Jetzt. Und der Zustand war sehr angenehm. Ich hatte keine Angst empfunden, hatte mich ganz normal gefühlt, munter, erstaunt, fasziniert. 

Mir fiel nun ein, dass Heinz eigentlich ziemlich viel in der Kneipe geredet hatte, zu vielen Leuten, fast immer in einem belanglosen Tonfall, und ganz zusammenhanglos brachte er seltsame Einschübe wie "vielen Dank", "So ist es" oder "schlaf nicht ein". Irgendwann dämmerte es mir, dass er damit mich ansprach, ohne mich dabei anzusehen. Da ich mein Innenleben viel deutlicher beobachten konnte als sonst, fiel mir auf, dass die Bemerkungen sich auf' meine Gedanken oder Gefühle bezogen. Wenn ich ihn freundschaftlich oder bewundernd ansah oder dachte "ich möchte ihm gerne helfen", sagte er sofort, mitten im Satz, im selben Tonfall fortfahrend: "Vielen Dank". Als ich dachte: "ob er zu den Leuten in einem Geheimcode spricht" sagte er „so ist es". Wenn ich dachte "Mensch, was haben wir hier bloß in dieser Kneipe verloren?" sagte er "schlaf nicht ein." Das konnte nicht alles nur meine Einbildung gewesen sein. 

Als ich draußen die frische Luft einatmete, riss außen und innen eine Wolkendecke auf und helles Licht strahlte durch. "Es gibt kein Ich. Das alles, alle diese Menschen, wir alle sind ein einziges Bewusstsein, das voller Liebe ist. Welch ein herrliches, befreiendes Gefühl, welch ein Abenteuer, lebendig zu sein!" Wir gingen noch in eine dritte Kneipe. Er bestellte wieder zwei Bier und sagte: "Du bist wirklich ein guter Freund, Christian, vielen Dank." Dann küsste er plötzlich übertrieben überschwänglich vor all den Leuten das Bild von Bhagwan an meiner Mala und rief so laut, dass es mir peinlich wurde: "Dein Freund ist auch mein Freund, hoch soll er leben!" und wieder normal: "so, ich will mal eben zur Bank rüber, muss noch was erledigen - schließlich brauchen wir Geld, stimmt‘s? Wart‘ hier auf mich, ich komm gleich wieder." Aber er kam nicht wieder, und ich habe ihn seitdem nicht wieder getroffen. Ich wartete noch eine Stunde, lief zwischendurch zur Bank; suchte herum und ging dann schließlich mit aufgeregten Gedanken ins Bett. Es war Mittag. 

(Text aus Christian Salvesen: Sex, Haschisch und Erleuchtung. Tao.de)

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